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„Seit ich denken kann, werde ich in Schubladen gesteckt“

„Seit ich denken kann, werde ich in Schubladen gesteckt“

Annahita Esmailzadeh ist Führungskraft bei Microsoft. Die mehrfach ausgezeichnete Wirtschaftsinformatikerin und Bestsellerautorin gehört zu den bekanntesten Business-Influencerinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre Reichweite in den Medien und auf sozialen Netzwerken setzt sie für mehr Diversität und Inklusion in der Arbeitswelt ein. Das Brandeins Magazin nannte sie eine „Diversity-Kämpferin“. Für ihr Engagement erhielt sie die Europamedaille sowie den German Diversity Award.

Jetzt hat Esmailzadeh ein Buch geschrieben, das mit Stereotypen in der Arbeitswelt aufräumt und erklärt, welche zentralen Auswirkungen dieses Schubladendenken im Job hat. „Von Quotenfrauen und alten weißen Männern: Schluss mit Vorurteilen in der Arbeitswelt!“ erscheint am 16. August 2023 im Campus Verlag (Amazon / Thalia). Wir haben mit der Autorin über ihr Werk und ihre eigenen Erfahrungen mit dem Thema gesprochen.

t3n: Annahita, dein Buch handelt von angeblichen Quotenfrauen und vermeintlich alten weißen Männern. Warum halten sich diese Stereotype so hartnäckig in der Arbeitswelt?

Annahita Esmailzadeh: Diese Klischeebilder halten sich auch deshalb so hartnäckig, weil unser menschliches Gehirn darauf ausgelegt ist, zu kategorisieren und zu vereinfachen. Wenn ich Menschen anhand äußerlicher Merkmale vermeintlich gleich einschätzen kann, fällt mir der Umgang mit ihnen leichter.

Das klingt jetzt aber, als wäre das etwas Gutes.

Will man verstehen, wieso wir Menschen so gern in diesen Schubladen denken, muss man eine kleine Zeitreise in die Steinzeit machen: Wenn unseren Vorfahren damals ein Säbelzahntiger über den Weg lief, überprüften sie im Regelfall nicht zuerst, ob sie es mit einem menschenfreundlichen Tier zu tun hatten. Nein, sie ergriffen beim Anblick der langen gebogenen Eckzähne hoffentlich sofort die Flucht und rannten, so schnell sie konnten, um ihr Leben. Diejenigen, die das nicht taten, überlebten diese Begegnung hingegen meistens nicht. Damals waren unsere Vorurteile also überlebensnotwendig und insofern gut. Heutzutage ist unser Überleben aber glücklicherweise nicht mehr an die erfolgreiche Flucht vor Säbelzahntigern geknüpft. Trotzdem arbeitet unser Gehirn noch mit derartigen Schubladen, um Menschen einordnen zu können.

Es heißt ja, in allem steckt ein Fünkchen an Wahrheit. Ist das bezüglich Vorurteile auch der Fall?

Lass uns hierfür mal das Klischeebild des alten weißen Mannes betrachten, denn kaum ein Vorurteil ist in den vergangenen Jahren so salonfähig geworden. Demnach sind alle hellhäutigen Männer fortgeschrittenen Alters ewig gestrig und wollen patriarchale, alteingesessene Strukturen mit allen unlauteren Mitteln für den eigenen Machterhalt verteidigen.

So lautet zumindest der Vorwurf.

Ja, nun kannst du dir sicher vorstellen, dass ich selbst auf meinem bisherigen Weg schon auf unzählige solche alten weißen Männer gestoßen bin. Einige erfüllten das Klischee, jedoch gab es auch andere, die zu meinen größten Förderern und Mentoren wurden. Und genau das bringt mich zu meinem Punkt: Ja, Vorurteile können in Bezug auf einige Individuen durchaus zutreffend sein, aber oft genug tun sie Menschen unrecht.

Du selbst bist eine junge Frau in der sehr männlich geprägten IT-Branche. Zudem hast du iranische Wurzeln und lebst im christlich-konservativ geprägten Bayern. Welche Erfahrungen hast du mit Vorurteilen dir gegenüber gemacht?

Seit ich denken kann, werde ich in Schubladen gesteckt. Und seitdem ich denken kann, scheine ich zugleich in keine von ihnen so wirklich reinzupassen. Aufgrund meines angeblich untypischen Erscheinungsbildes begegnet mir immer wieder große Verwunderung, wenn ich erzähle, dass ich in der Tech-Branche arbeite, bis hin zur schieren Fassungslosigkeit, wenn ich hinzufüge, dass ich sogar ganz solide programmieren kann. Menschen sind in Anbetracht meines jungen Alters ebenso oft schockiert, wenn ich ihnen erzähle, dass ich Führungskraft in einem IT-Konzern bin. Auch mein perfektes Deutsch mit süddeutschem Einschlag wird fasziniert zur Kenntnis genommen. Merkwürdig, wenn man bedenkt, dass ich in München geboren und aufgewachsen bin.

Waren diese Erfahrungen der Anlass für dein Buch? Was hat dich dazu bewegt, das Thema aufzumachen?

Definitiv. Ich finde das Thema des Unconscious Bias, aber auch in meiner eigenen Rolle als Führungskraft unglaublich wichtig und habe lange nach Literatur im Kontext der Arbeitswelt gesucht, die wissenschaftlich fundiert und zugleich praxisnah ist sowie konkrete Maßnahmen liefert. Die Suche war vergeblich. Diesen Umstand wollte ich mit meinem Buch ändern.

Du sprichst darin einige weitere Stereotypen an – etwa die Rabenmutter, die für die Karriere die Familie vernachlässigt. Sind Frauen häufiger von Vorurteilen betroffen als Männer?

Sie sind aus meiner Sicht lediglich von unterschiedlichen Vorurteilen betroffen, denn sowohl Männer als auch Frauen werden gesellschaftlich mit Vorurteilen und geschlechtsbezogenen Rollenerwartungen konfrontiert. Und diese können für Frauen und für Männer ebenso verheerende Folgen haben. Studien kamen beispielsweise zu dem Ergebnis, dass die Verinnerlichung von klassischen Männlichkeitsnormen für Männer statistisch gehäuft mit psychischen Problemen einhergeht. Laut der Weltgesundheitsorganisation ist die Selbstmordrate von Männern in den Industriestaaten dreimal so hoch wie die von Frauen, was wiederum mit dem gesellschaftlichen Männlichkeitsbild korreliert, dass es vermeintlich unmännlich sei, Gefühle oder Verwundbarkeit zeigen. Diese Männlichkeitsmythen zementieren ein gesellschaftlich anerkanntes Männerbild, das Männer stark unter Druck setzen kann.

Inwiefern?

Diese Erwartungshaltung beinhaltet etwa, dass Männer keine Schwäche zeigen dürfen und Gefühle wie Trauer oder Angst weitestgehend unterdrücken sollen. Eine Studie der University of Texas in Austin und der Yale University kam zu dem Ergebnis, dass Männer, die an dem männlichen Rollenbild, besonders stark sein zu müssen, festhielten, weniger bereit waren, sich bei psychischen Problemen helfen zu lassen. Männer haben damit in einer traditionell patriarchalen Gesellschaftsordnung zwar öfter einflussreiche Machtpositionen inne und sind statistisch das privilegiertere Geschlecht, doch sie leben damit zugleich in einem System, das für einige bisweilen tödlich sein kann.

Was sind die zentralen Auswirkungen von diesem Schubladendenken in der Arbeitswelt?

Vorurteile gehen in der Arbeitswelt mit einer breiten Palette von schädlichen Auswirkungen einher. Sie sorgen dafür, dass Menschen Jobs gar nicht erst bekommen, ungerechtfertigte Leistungsbewertungen erhalten oder nicht entsprechend ihren Fähigkeiten, ihres Potenzials sowie ihrer Leistungen gefördert und befördert werden. Ebenso haben Vorurteile zur Folge, dass Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortungsvolle Aufgaben oder Projekte nicht erhalten, bei Gehaltsanpassungen übergangen oder bei Weiterbildungen benachteiligt werden. Von den seelischen Narben, die derartige Diskriminierungserfahrungen bei Betroffenen hinterlassen können, mal ganz zu schweigen.

Wie können Menschen sich selbst überprüfen, ob ihre Sichtweise auf Vorurteilen fußt? Gibt es Methoden, um sich selbst zu überprüfen?

Empfehlenswert ist hier etwa der implizite Assoziationstest, kurz IAT, der Harvard University, um ein besseres Verständnis über unbewusste Vorlieben und Überzeugungen zu erhalten. Ganz generell schafft außerdem Wissen enormes Bewusstsein. Aus diesem Grund sind Trainings und die aktive Auseinandersetzung mit der Thematik des Unconscious Bias sinnvoll, um das eigene Bewusstsein für Vorurteile und Schubladendenken zu schärfen.

Wie divers wird die Arbeitswelt von morgen deiner Meinung nach sein? Was spricht dafür, dass Stereotype eine immer kleinere Rolle im Recruiting spielen werden?

Ich denke, sie wird sehr divers sein. Wo Diversität in der Belegschaft fehlt, steigt auch das Risiko, Innovationspotenzial und Profitabilität einzubüßen. Es ist paradox, dass einige Unternehmen in Zeiten des sich stetig zuspitzenden Fachkräftemangels, in dem der Wettbewerb um Arbeitskräfte immer intensiver wird, aufgrund ihrer Scheu vor Diversität auf qualifizierte Talente verzichten. Unternehmen, die ihren Unconscious Bias im Recruiting nicht hinterfragen und aktiv bekämpfen, setzen ihre Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel.

Danke für deine Perspektive!

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