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Baldur’s Gate 3 im Test: Ein Abenteuer, das ihr nie vergessen werdet

Ein digitales Pen & Paper mit Hunderten Stunden Inhalt und unzähligen Verläufen klingt erst mal nach einem Nischenspiel. Doch Baldur’s Gate 3 ist scheinbar massenkompatibel und das nicht nur, weil es als Spiel so vieles so richtig macht.

Baldur’s Gate 3 wird vom belgischen Studio Larian entwickelt und ist ein Rollenspiel, das nicht nur auf die Welt des Pen & Papers „Dungeons and Dragons“ zurückgreift, sondern auch auf das entsprechende Regelwerk. Seit dem zweiten Teil von Baldur’s Gate sind mittlerweile 23 Jahre vergangen. Doch selbst Teil 3 ist schon seit sechs Jahren in Entwicklung und kann auf Erfahrungen und Feedback aus drei Jahren Early Access zurückgreifen.

Die begehrteste Kaulquappe der Schwertküste

Baldur’s Gate 3 beginnt turbulent und dramatisch. Als Gefangener der Illithiden wird euch ein Parasit in den Kopf gesetzt, der euch ebenfalls in einen der Gedankenschinder verwandeln soll. Obwohl euch die Flucht gelingt, habt ihr nun eine tickende Bombe im Kopf, ein Schicksal, das ihr mit den ersten Begleitern teilt, auf die ihr trefft.

Doch an euch ist etwas anders. Die Larve in eurem Gehirn ist etwas Besonderes, das euch unerwartet zum Teil eines großen bösen Plans macht. Wie ihr damit umgeht, liegt vom ersten Moment an bei euch. Die Illithiden sind nicht die einzige Macht in der Welt von Baldur’s Gate 3, die ein großes Interesse an euch, euren Gefährten und der Kaulquappe in eurem Kopf haben. Da die Geschichte ein wichtiger Bestandteil des Spielerlebnisses ist, werde ich auf jegliche großen Spoiler für diesen Test verzichten.

Den Körper, in dem euer parasitenbefallenes Gehirn sitzt, habt ihr natürlich selbst ausgewählt. Im Charakter-Editor könnt ihr entweder einen der sechs Origin-Charaktere auswählen oder euch selbst einen erstellen. Ihr wählt aus den elf verschiedenen Rassen, bei denen einige noch Unterkategorien haben. Die Möglichkeiten, das Aussehen, anzupassen sind extrem vielfältig und lassen euch vom Körperbau, über die Frisur bis hin zu den äußeren Geschlechtsmerkmalen alles individualisieren.

Bei der Auswahl der Klasse dürften bei Nicht-D&D-Spielern spätesten die ersten Fragezeichen aufkommen. Die zwölf Klassen haben alle drei oder mehr Unterkategorien, die euer Set an Fähigkeiten, Talenten, Zaubern und Waffen- wie Rüstungsspezialisierungen bestimmen. Ihr könnt außerdem die Standard-Attribute der Klassen umverteilen, was einen Einfluss darauf hat, wie ihr auf die einzelnen Attribute würfelt. Wer sich nicht mit Dungeons and Dragons auskennt, ist gut damit beraten am Anfang aufmerksam die Tooltips zu lesen und in den ersten Spielstunden auf die Tutorialnachrichten zu achten.

„Hier ist die Spielwelt – macht, was ihr wollt“

Eines der hervorstechendsten Merkmale von Baldur’s Gate 3 ist die immense Vielfältigkeit und Freiheit bei jeder Aufgabe, die euch das Spiel vor die Füße wirft. Das gilt für Dialoge, Quests, Kämpfe, Rätsel oder einfach nur das Erreichen eines neuen Areals. Es gibt nie nur eine Lösung, ihr könnt Wege finden, an die Larian vermutlich selbst nicht mal gedacht hat.

Bei manchen Lösungen nutzt ihr die sozialen Fähigkeiten eurer Charaktere. Ihr könnt euch den Eintritt in eine Festung freikämpfen oder ihr täuscht die Wache, denn euer Schurke würfelt eine 27 und macht die Gegner glauben, ihr wäret eingeladen. Selbst Bosskämpfe lassen sich auf viele Arten lösen. Vielleicht hat euer Charakter so viel Charisma, dass ihr den Feind überzeugen könnt aufzugeben oder sogar sich selbst umzubringen.

Baldur’s Gate 3 will, dass ihr unkonventionell, dreidimensional und um die Ecke denken könnt, aber nicht unbedingt müsst. Zwei Situationen sind mir besonders im Gedächtnis geblieben, hier die spoilerfreie Erzählung: Nachdem ich viermal an einem Bosskampf gescheitert war, suchte ich nach einer neuen Lösung. Mir fiel ein, dass ich während der Dialoge immer noch den Charakter wechseln kann. Während mein Schurke also mit dem Boss sprach, wechselte ich auf den Zauberer Gale und nutzte einen Windstoßzauber, um den Boss einfach ins bodenlose Nichts zu schubsen. Bosskampf erledigt.

Bei einer anderen Quest sollte ich wortwörtlich den Kopf eines Feindes holen. Dieser saß allerdings verschüttet in einem Raum fest, der sich langsam mit Gift füllte. Statt einen Weg zu finden, das Geröll zu beseitigen, habe ich einfach abgewartet, das Gift und die Helfer des Feindes die Arbeit machen lassen, um mir dann den Kopf einfach ohne Kampf zu holen. Quest erledigt.

Larian lässt euch euren eigenen Weg durch die Spielwelt finden und ist nicht sonderlich streng, was das Erfüllen von Quests angeht. Das Spiel hat kaum tote Enden und ein „Game Over“ gibt es eigentlich nur, wenn eure ganze Party draufgeht. Selbst das Verfehlen eines Questziels, bedeutet häufig nur, dass sich der Spielverlauf dementsprechend ändert.

Der Kampf mit den Würfeln

Die Kämpfe in Baldur’s Gate 3 laufen rundenbasiert, die Reihenfolge wird über die Initiative ausgewürfelt. Jeder Charakter hat pro Zug nur einen bestimmten Bewegungsradius und eine limitierte Anzahl an Aktionen, die ausgeführt werden können. Diese Aktionen können Angriffe, der Einsatz einer Fertigkeit oder eines Zaubers, ein Sprung, das Wiederbeleben eines Charakters oder der Einsatz eines Gegenstandes sein.

Wie im gesamten Spiel gibt es vielfältige Möglichkeiten zu kämpfen und eure Kreativität ist gefragt. Ihr könnt vor allem die Umgebung nutzen, indem ihr Gegner in Abgründe schubst, Ölfässer zerstört und diese in Brand setzt oder einen Kronleuchter von der Decke schießt.

Auch hier gilt, wer mit Dungeons and Dragons noch kaum Berührungspunkte hatte, wird sich am Anfang etwas in das komplexe System einarbeiten müssen. Doch das lohnt sich wirklich und da ihr während des Spiels zwischen den drei Schwierigkeitsgraden wechseln könnt, ist der Start mit Entdecker-Modus kein Problem, um erstmal alles zu lernen.

Optik und Sound passen einfach

Larians Spielwelt ist liebevoll gestaltet und steckt voller offener und auch versteckter Details, was beim schieren Umfang des Spiels mehr als beeindruckend ist. Bis auf die in manchen Zwischensequenzen eher misslungen Gesichtsanimationen und dem einen oder anderen Objekt, dass mal halb in der Wand verschwindet, macht Baldur’s Gate 3 optisch einen sehr guten Eindruck.

Ein Highlight sind die Sprecher der unzähligen Charaktere, die ihr im Spiel treffen könnt. Besonders hervorzuheben ist hier die Erzählerin, die quasi als Dungeon Master eure Geschichte begleitet. Mit der englischen Sprache solltet ihr besser kein Problem haben, denn eine deutsche Vertonung gibt es nicht. Die Texte und Menüs sind selbstverständlich alle in deutscher Sprache verfügbar.

Lüsterne Weggefährten

Die Origin-Charaktere bringen nicht nur ihre eigenen Persönlichkeiten und Quests mit sich, mit ihnen könnt ihr emotionale und romantische Beziehungen aufbauen. Eure Entscheidungen im Spiel werden je nach Charakter von euren Begleitern begrüßt oder abgelehnt, eine Beziehung habt ihr also zu jedem. Grundsätzlich scheinen sich alle Begleiter zu eurem Charakter hingezogen zu fühlen. In eurem Lager geht es hormonell manchmal zu wie in einem Feriencamp für Jugendliche. Alle sind ein bisschen horny, aber auch ein bisschen seltsam.

In meinem Spieldurchlauf hat sich jedoch auch eine natürliche, tiefere Beziehung zu einem Charakter entwickeln können, die wirklich über dutzende Spielstunden gewachsen ist und sogar Einfluss auf meine Dialogoptionen genommen hat. Mit ein paar richtigen Antworten zum Sex zu kommen, wie in anderen Rollenspielen, ist es in Baldur’s Gate 3 nicht getan.

Larians Elden Ring

Damit ist nur zum Teil der große Erfolg eines eigentlich eher nischigen Spiels gemeint. FromSoftware hat mit Dark Souls extrem gut bewertete Spiele gemacht, die dennoch eher eine sehr spezielle Spielergruppe ansprechen. Elden Ring übertraf dann jedoch alle Erwartungen und erreichte ein sehr großes Publikum. Ähnlich verhält es sich bei Larian, die mit Divinity: Original Sin 1 und 2 echte Genre-Perlen vollbracht haben, die aber auch kein gigantisches Publikum hatten. Baldur’s Gate 3 spricht aber aktuell mehr als nur D&D-Nerds und Fans der Vorgänger an.

Gemeint ist aber die Idee hinter beiden Spielen, dem Spieler möglichst viel Kontrolle und Freiheit darüber zu geben, was in der Welt überhaupt passiert. Während Elden Ring kaum Anweisungen gibt, was überhaupt zu tun ist, hat Baldur’s Gate 3 zwar klare Questziele, deren Erfüllung und die damit verbundenen Herangehensweise aber dem Spieler überlassen werden.

Die beiden haben noch mehr gemeinsam: Kein verpatzter Launch mit Bugs und Serverproblemen, keine Mikrotransaktionen und jede Menge Spiel zu einem fairen Preis.

Test-Fazit

Baldur’s Gate 3 hat im ersten Moment etwas Einschüchterndes. Es hat einen gigantischen Umfang und ist mitunter recht komplex. Wer diese Herausforderung annimmt, bekommt allerdings ein gigantisch gutes Rollenspiel. Die Geschichte ist spannend und dreht sich vor allem um euch und eure Entscheidungen, die Dialoge sind großartig geschrieben und vertont. Wer einmal in den Systemen von D&D drin ist, wird auch mit den Kämpfen viel Spaß haben.

Dieses Spiel ist so vielfältig, bietet so viele Freiheiten und Lösungswege, dass auch ein dritter und vierter Durchlauf lohnenswert erscheinen. Larians Erfahrungen aus vorherigen Spielern und das viele Feedback aus drei Jahren Early Access sind in diesem Spiel zusammengeflossen und haben meiner Meinung nach ein meisterliches Rollenspiel hervorgebracht. Über die kleinen technischen Mängel lässt sich problemlos hinwegsehen, genau wie über die Kamera, die in Innenräumen hin und wieder etwas unkooperativ ist.

Wenn euch die englische Sprachausgabe nicht abschreckt, gibt es kaum einen Grund für Fans von CRPGs hier zögerlich zu sein. Doch auch allen anderen sei gesagt, es lohnt sich dieses Spiel zu lernen. Die hohe Qualität über die schiere Länge des Spiels zu halten, ist ebenfalls beeindruckend. Larian hat ohne Zweifel einen kritischen Erfolg gewürfelt.

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